Kommentar

 

Wer macht den Preis bei Milch?

 

Sascha A. Weber, Braunschweig

 

Der Milchmarkt gehörte in der Europäischen Union zu den noch am stärksten regulierten Märkten. Doch mit den Luxemburger Beschlüssen von 2003 wurde eine Abkehr von dem bisherigen Regulierungsniveau eingeleitet. Darüber hinaus wurden 2009 die Liberalisierungsbestrebungen mit dem Health Check nochmals intensiviert. Die grundlegendsten Änderungen sind die schrittweise Absenkung des Interventionspreisniveaus für Butter und Magermilchpulver sowie das Ende der Milchquote im Jahr 2015. Damit soll nach Jahrzehnten der Abgrenzung der europäische Milchmarkt in den Weltmarkt integriert werden.

Jedoch ist diese neue Freiheit nicht unumstritten. Denn einerseits wird sich das heimische Preisniveau dem internationalen Niveau annähern und somit den Wettbewerbsdruck auf Erzeuger und Verarbeiter erhöhen. Andererseits werden sich Weltmarktpreisschwankungen direkt auf den heimischen Markt auswirken. Eine erhöhte Preisvolatilität ist die Folge. Die Wirtschaftskrise hat aber auch gezeigt, dass sich die Politik nicht vollständig aus der Verantwortung verabschieden kann. Ein bestimmtes Mindestmaß an Regulierung bzw. Maßnahmen sind für die Übergangszeit erforderlich. Die Interventionsankäufe der Kommission verhinderten zusammen mit der befristeten Reaktivierung von Exporterstattungen, dass es zu einem noch dramatischeren Absinken der Milcherzeugerpreise in der EU gekommen ist.

Aus Sicht der Milcherzeuger stellt sich die Frage, was ein liberalisierter Milchmarkt für sie in der Zukunft bringen wird - insbesondere wie sich die Auszahlungspreise der Molkereien entwickeln werden. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, da sie von vielen Faktoren abhängt. Sowohl Milcherzeuger als auch Molkereien bestimmen mit ihren Strukturen und Strategien die Höhe sowie Entwicklung des Milchpreises. Eines gilt aber als sicher: Die Preise werden in der EU stärker schwanken als in den Jahrzehnten zuvor. Hier liegt es nun in der Verantwortung der Molkereien auf die neuen Herausforderungen zu reagieren, indem sie ihre Strategien und ihren Produktmix auf die neuen Gegebenheiten anpassen. Vor allem in Deutschland wird der Ruf nach größeren und damit leistungsfähigeren Molkereien lauter. Fusionen können ein probates Mittel zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit sein. Aber eine hohe Milchverarbeitungsmenge bedeutet nicht zwangsläufig wirtschaftlichen Erfolg. Die bayerische Molkereistruktur ist ein Beleg dafür, dass auch kleinere Milchverarbeiter sehr erfolgreich am Markt agieren können. Sie erzielen oft höhere Auszahlungspreise als größere und damit vermeintlich erfolgreichere Molkereien.

Zitat:„Die Preise werden in der EU stärker schwanken als in den Jahrzehnten zuvor."

Dr. Sascha A. Weber
Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei Institut für Marktanalyse und Agrarhandelspolitik, 38116 Braunschweig
Tel.: 0531-596-5320, Fax: 0531-596-5399, E-Mail: sascha.weber@vti.bund.de

 

 

 

 

Wer macht den Preis bei Fleisch?

 

Josef Efken, Braunschweig

 

Die Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Schweinen und Geflügel in Deutschland boomt. Seit dem Jahr 2000 eilt etwa die Schweineschlachtung mit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlich mehr als drei Prozent voran. Wenn die Entwicklung anhält, könnten in zwei bis drei Jahren in Deutschland 60 Mio. Schweine im Jahr geschlachtet werden. Zehn Jahre vorher waren es 45 Mio. Schweine. Da stellt sich zu Recht die Frage nach dem ‚Warum‘ und ‚Wohin‘. Hierzu einige Gedanken:

Augenfällig ist die Entwicklung im Raum Nordwestdeutschland: Hier hat sich ein Porterscher Diamant herausgebildet. Es herrscht ein intensiver Wettbewerb zwischen den Schlachtunternehmen, den Fleischverarbeitern, den Futtermittelherstellern sowie weiteren mit der Fleischerzeugung und verarbeitung verbundenen Branchen. So werden Neuerungen und Anpassungszwänge nicht nur sofort sichtbar, sondern auch sofort angepackt. Kompetente Partner stehen zur Verfügung. Entsprechend dicht und intensiv sind die Netzwerke innerhalb und zwischen den Stufen. Beratung, öffentliche Hand und Banken unterstützen mit ihren Dienstleistungen das reibungslose Funktionieren. Soweit die Lobeshymne.

Verbunden war die Entwicklung jedoch mit einem massiven Strukturwandel; d.h. weniger aber größere landwirtschaftliche Veredelungsbetriebe. Profitiert hat die deutsche Fleischbranche zweifellos aber auch von den zunehmend schwierigeren Produktionsbedingungen in den Niederlanden und in Dänemark. Dort ist man an die ‚Grenzen des Wachstums‘ gestoßen. Dänen und Niederländer nutzten ihren Produktivitätsvorsprung in der Schweinehaltung aus und fanden in der Ferkelerzeugung für die deutschen Mastbetriebe einen Lösungsweg. Nun werden auch hierzulande die ‚Grenzen des Wachstums‘ sichtbar: So wird es in den klassischen ‚Intensivgebieten‘ aber auch in Regionen mit aktuell wenigen Masttieren/Flächeneinheit immer schwieriger, Neu- und Erweiterungsbauten zu realisieren; es fehlt zunehmend an Akzeptanz in der Bevölkerung. Damit sind wir bei der Frage nach dem ‚Wohin‘ angelangt. Solange der Außenschutz der EU für Schweine- und Geflügelfleisch bei 20 bzw. 30 Prozent liegt, ist der EU-Raum ein lukrativer Markt. Die sonst so gescholtenen Discounter erweisen sich hier als eine Eintrittspforte in die Märkte benachbarter Länder. Inwiefern die gewonnenen Marktanteile gehalten oder noch ausgebaut werden können, lässt sich kaum voraussagen. Der Export in Drittländer kann nur mit Preiszugeständnissen realisiert werden. Zudem ist eine wichtige Lehre aus den Preiskapriolen des Weltmarktes, dass insbesondere in Entwicklungsländern eine Modernisierung und Intensivierung der Agrarwirtschaft dringend geboten ist. Das kann auch für die deutsche Fleischerzeugung mittelfristig Exportmärkte kosten.

Zitat:Nun werden auch hierzulande die ‚Grenzen des Wachstums‘ sichtbar.

Dr. Josef Efken
Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei Institut für Marktanalyse und Agrarhandelspolitik, 38116 Braunschweig
Tel.: 0531-596-5307, Fax: 0531-596-5399, E-Mail: josef.efken@vti.bund.de