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Kommentar der Ausgabe 04/06

ZUKUNFTSCHANCEN DER DEUTSCHEN TIERPRODUKTION


Christian Stockinger, München

 

Die deutsche Landwirtschaft steht offensichtlich vor einer fundamentalen Änderung ihrer Rahmenbedingungen: Agrarpolitische Markteingriffe werden abgebaut, bestehende Schutzmechanismen gegen internationale Konkurrenz empfindlich reduziert bzw. beseitigt und Ausgleichszahlungen, vor allem wenn sie entkoppelt sind, geraten in Begründungsnot.
Die deutsche Landwirtschaft wird also den Kräften des Marktes mit allen Chancen und Risiken zunehmend ausgesetzt und damit dem weltweiten Wettbewerb unterworfen.

Werden sich deutsche Tierhalter in diesem Umfeld behaupten können?
Die nachfolgenden Artikel zeigen, dass die Antwort nicht nur einzelbetrieblich, sondern auch produktspezifisch durchaus unterschiedlich ausfallen muss. Der Anpassungsdruck stellt sich sehr differenziert dar und der Handlungsbedarf der Akteure wird sich folglich deutlich unterscheiden.

Professionelle Schweinehalter, die traditionell schon immer von marktpolitischen Einflüssen weitgehend verschont geblieben sind, können und werden mit Zuversicht und unter-nehmerischem Mut auch zukünftig ihren erfolgreich eingeschlagenen Weg fortsetzen. Unternehmerisches Geschick, exzellentes produktionstechnisches Know-how und solide, aber zielstrebige Expansionspolitik werden auch zukünftig deutsche Produzenten in die Lage versetzen, ihre Marktanteile zu sichern oder sogar auszubauen.

Wesentlich problematischer ist die Ausgangslage von Rinderhaltern, die hochgradig von politischer Einflussnahme und staatlicher Stützung abhängig sind. Insbesondere Milcherzeuger, die über Jahre hinweg mehr auf die Ergebnisse der Lobbyarbeit und die Versprechungen der Politik als auf den Erfolg eigener unternehmerischer Aktivitäten gesetzt haben, müssen nüchtern erkennen, dass strategische Umstellungskonzepte oftmals angebrachter sind als großdimensionierte Wachstumsschritte, die keine oder nur geringe Gewinnzuwächse erwarten lassen.

Diversifizierung, einkommenskombinierter Erwerbsmix aber auch die rechtzeitige Verpachtung und Liquidierung von Vieh- und Umlaufkapital sind angesichts derzeit (noch) hoher Pacht- und Quotenpreise häufig das Verfahren der Wahl. Dabei ist dieser Schritt nicht als Niederlage oder persönliches Versagen zu verstehen, sondern unternehmerische Herausforderung zur rechtzeitigen Sicherung von Privat- und Betriebsvermögen.

Wachstumswillige Milchviehbetriebe West- insbesondere Süddeutschlands befinden sich in einer verzwickten, ja nahezu verfahrenen Situation. Die Vollkosten sind im internationalen Vergleich eindeutig zu hoch, einzelbetriebliche Wachstumsschritte sind wegen immer noch steigender Pacht- und Quotenpreise wenig rentabel und die für wirksame Festkostendegression erforderlichen Bestandsgrößen stoßen arbeitswirtschaftlich an die Grenzen familienbetrieblicher Arbeitskapazität.

Es braucht Phantasie, Mut und große Änderungsbereitschaft, um den Ausweg aus dieser misslichen Konstellation zu finden. Im Grundsatz geht es um nicht weniger als den Anspruch, über einzelbetriebliche „Bauernhoflösungen“ hinaus zu denken und Netzwerkkonstruktionen bzw. dienst- und fremdleistungsverbundene Organisationsformen zu finden.

Agglomerierte Farm-Parks, sog. Produktionscluster mit mehreren, grundsätzlich selbstständig bleibenden Produktionsstätten auf einem Standort, könnten am Beispiel der Milchviehhaltung ein geeigneter Lösungsansatz sein:


 

  • Die teuere Melktechnik (> 30 Prozent der Stallbaukosten) wird durch Mehrfachnutzung von z. B. vier Herden à 100 Kühen voll ausgelastet,
  • der mit Abstand größte Arbeitsblock „Milchentzug“ (> 25 Prozent des Gesamtarbeitsbedarfs) kann entweder arbeitsteilig innerhalb der Benutzergruppe organisiert oder auch an eine fremde Dienstleistungs- GmbH ausgelagert werden,
  • die Fusionstiefe kann je nach Interessenlage individuell gewählt und dynamisch angepasst werden,
  • Standortwahl und Gebäudezuordnung können so festgelegt bzw. konstruiert werden, dass auch zukünftige Erweiterungsvorhaben realisierbar bleiben,
  • natur- und umweltschutzrelevante Aspekte, insbesondere Kriterien des BimschG sind überzeugend lösbar.


Die Stärken des Milch- und Fleischstandorts Deutschland können umso besser ausgespielt werden als politische Eingriffsdichte reduziert und staatliches Regelwerk abgebaut wird. Nicht zuletzt die EU-Erweiterung des Jahres 2004 hat gezeigt, dass hervorragende natürliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, intakte Märkte, hohe Finanzierungskraft und ausgefeilte Produktionskenntnisse starke Wettbewerbsfaktoren der deutschen Landwirtschaft sind. Wenn man die Versprechungen der Politik zu wirksamer Deregulierung und das Bekenntnis zur Leistungsfähigkeit des Mittelstands ernst nimmt, hat die deutsche Tierproduktion bessere Zukunftsaussichten denn je.

Zitat: Wenn man die Versprechungen der Politik zu wirksamer Deregulierung und das Bekenntnis zur Leistungsfähigkeit des Mittelstands ernst nimmt, hat die deutsche Tierproduktion bessere Zukunftsaussichten denn je.

Christian Stockinger, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Ländliche Strukturentwicklung, Betriebswirtschaft und Agrarinformatik, 80638 München, Tel.: 089-17800111, Fax: 089-17800-113, E-Mail: agraroekonomie@lfl.bayern.de

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