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Kommentar der Ausgabe 02/08

AUF ZU NEUEN UFERN

 

Ernst Berg, Bonn

Wir leben nicht nur im Zeitalter der Globalisierung, sondern auch in einer Periode globaler Veränderungen auf den verschiedensten Gebieten, die aber irgendwie alle miteinander verwoben sind. Zu den wichtigsten globalen Entwicklungen, die auch die Landwirtschaft nachhaltig beeinflussen, gehören neben dem Klimawandel, der zentrales Thema dieser Ausgabe ist, die weltweite Bevölkerungszunahme sowie die Entwicklung der Wirtschaftskraft in den Regionen, die den Löwenanteil zum globalen Bevölkerungswachstum beitragen.
Die Weltbevölkerung liegt gegenwärtig bei circa 6,6 Mrd. Menschen und wird nach UN-Vorausschätzungen bis 2050 wahrscheinlich die 9 Mrd. Grenze überschreiten. Dabei tragen in erster Linie die Entwicklungsländer und hier vor allem der asiatische Raum zum Bevölkerungswachstum bei. Die höchsten Zuwächse finden sich in Indien, das um 2025 mit circa 1,45 Mrd. mit der Bevölkerung Chinas gleichziehen und bis 2050 auf 1,66 Mrd. weiterwachsen wird. Hingegen stagniert die Bevölkerung in China nach 2030, wenn die bisherige Ein-Kind-Politik beibehalten wird.


Im asiatischen Raum finden sich auch die höchsten Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens. Sie lagen sowohl in China als auch in Indien in den letzten Jahren bei etwa 10 Prozent jährlich und damit mehr als doppelt so hoch wie z.B. in den USA. Wenngleich das Niveau gegenwärtig noch deutlich unter dem der USA liegt, führt eine Fortschreibung der Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung dazu, dass China bis 2030 zur weltgrößten Wirtschaftsmacht aufsteigt und auch Indien bis dahin die USA nahezu eingeholt haben wird. Das Pro-Kopf-Einkommen in China dürfte sich zu diesem Zeitpunkt dem in den USA zu Beginn dieses Jahrtausends weitgehend angeglichen haben.

Unterstellt man für China dann auch ähnliche Konsumgewohnheiten wie bei uns oder in den USA, so ergeben sich dramatische Nachfragesteigerungen auf allen Gebieten, vor allem aber nach Nahrungsmitteln und Energie. Bei den Nahrungsmitteln wirkt sich dabei nicht nur das schiere Bevölkerungswachstum aus, sondern vor allem die mit wachsendem Einkommen stets zu beobachtende Änderung der Verzehrsgewohnheiten hin zu mehr tierischen Produkten. So weist gegenwärtig der Milchkonsum in China zweistellige Wachstumsraten auf, weil Milch mehr und mehr zum Trendgetränk der gut verdienenden chinesischen Mittelschicht wird.
Beim Energiekonsum erreicht China gegenwärtig nicht einmal ein Zehntel des Pro-Kopf-Verbrauchs in den USA. Eine Annäherung auf der Basis fossiler Energieträger ist hier schon rein mengenmäßig völlig ausgeschlossen. Die wachsende Nachfrage lässt sich nur durch eine weitestgehende Umstellung auf neue Energieformen befriedigen, wozu auch Bioenergie einen Beitrag leisten kann, allerdings einen eher unbedeutenden was die Menge angeht.

In jedem Fall führen die zu erwartenden Nachfrageänderungen zu durchgreifenden Preissteigerungen für Agrarprodukte, was wir gegenwärtig ja auf breiter Front erleben. Dazu trägt nicht zuletzt die Politik durch die Förderung der Bioenergie selbst bei. Für die landwirtschaftlichen Betriebe ist diese Entwicklung durchaus zwiespältig: Einerseits profitieren sie von steigenden Produktpreisen und einem erweiterten Produktionsspektrum, andererseits sehen sie sich jedoch auch steigenden Kosten ausgesetzt, wovon neben Pacht- und Bodenpreisen vor allem Futtermittel sowie energieintensiv erzeugte Betriebsmittel und nicht zuletzt auch die Substratpreise der Bioenergie erzeugenden Betriebe betroffen sind. Außerdem wachsen sowohl die Markt- als auch die Produktionsrisiken.

Da ist es schon ein glücklicher Umstand, dass die Landwirtschaft in Nordwest-Europa im Vergleich zu anderen Regionen dieser Welt vom Klimawandel nicht allzu viel zu befürchten hat; ebenso wenig wird sie diesen in die eine oder andere Richtung maßgeblich beeinflussen können. Die im Wandel befindlichen Knappheitsrelationen und die in ihrem Gefolge sich ständig ändernden Preis-Kosten-Verhältnisse stellen die Betriebe auch so unter erheblichen Anpassungsdruck. Die einzige Konstante in diesem Prozess ist die Notwendigkeit, die Leistungsfähigkeit der natürlichen Ressourcen – vor allem von Boden und Wasser – weiter zu steigern. Dazu sind die Kräfte aller Beteiligten gefordert, die der Landwirte ebenso wie die von Wissenschaft, Industrie und Politik.

Bei allen Unwägbarkeiten, die einer so rasanten Entwicklung zwangsläufig anhaften, gibt es auf jeden Fall auch etwas Positives zu vermerken: Dynamik bietet allemal mehr Entwicklungsperspektiven als Statik; und letztere hatten wir lange genug. Auf also zu neuen Ufern!

Prof. Dr. Ernst BergProf. Dr. Ernst Berg, Institut für Lebensmittel und Ressourcenökonomik (ILR) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, D-53115 Bonn, Tel.: 0228-73-2891, Fax: 0228 73-2758, E-Mail: E.Berg@uni-bonn.de

Zitat: "Die im Wandel befindlichen Knappheitsrelationen und die in ihrem Gefolge sich ständig ändernden Preis-Kosten-Verhältnisse stellen die Betriebe unter erheblichen Anpassungsdruck."


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