Kommentar der Ausgabe 02/10
Mais als Spekulationsobjekt
Thore Toews, Bingen
„Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert ist wie ein Tier, auf dürrer Heide. Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt. Und rings umher liegt schöne grüne Weide.“ So ließ Goethe Mephisto in seinem Buch Faust sprechen. Wieso aber bedauert Mephisto Spekulanten? Ausgehend von der Erwartung einer bestimmten Marktentwicklung investieren Spekulanten Geld. So wurden beispielsweise viele Deutsche mit dem Börsengang der Telekom – beflügelt von enormen Wertzuwächsen – zu Spekulanten. Dies ging soweit, dass viele glaubten, dass sie weniger zu arbeiten bräuchten, wenn Sie einfach ein bisschen mehr spekulierten. Das jähe Ende ist bekannt. Und auch auf den Getreidemärkten konnte man 2007 und 2008 etwas sehr ähnliches beobachten.
Da wir also nicht oder nur sehr eingeschränkt in die Zukunft blicken können, ist es gar nicht so einfach, mit Spekulationen (z. B. Kauf von Aktien) längerfristig tatsächlich eine bessere Wertentwicklung als die allgemeine Marktentwicklung (z. B. DAX) zu erreichen. Neben dieser Tatsache, dass uns für den Blick in die Zukunft die Glaskugel fehlt, kommt ein weiteres Problem hinzu, an das Goethe bei seinen Formulierungen wahrscheinlich dachte. Nämlich die Gier. So bleibt man seiner Hoffnung auf steigende Kurse treu, auch wenn die Kurse fallen oder man verkauft bei guten Kursen nicht, weil es ja noch weiter bergauf gehen kann.
Leider kommt man als Unternehmer um ein gewisses Maß an Spekulation nicht herum. Denn alle unternehmerischen Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden. Das zu erwartende Maß an Unsicherheit (Schwankung des Gewinns) ist dabei in jeder Entscheidungssituation unterschiedlich. So kommt es nicht nur auf die geplante Entscheidung, sondern auch auf das bisherige Produktionsprogramm an. Ein spezialisierter Schweinemastbetrieb kann sein Risiko beispielsweise mindern, indem er die Ferkelproduktion ins Unternehmen integriert. In diesem Fall spricht man von einem „natürlichen Hedge“.
Über diese Zusammenhänge lohnt es sich nachzudenken, denn einen Teil des zu erwartenden Risikos kann man voraussehen. Und es bestehen Möglichkeiten die Risiken (z. B. durch Diversifikation, Versicherung etc.) bzw. das Gefährdungspotenzial, das von den zu erwartenden Risiken für das Überleben des Unternehmens ausgeht, zu vermindern. Beispielsweise durch eine höhere Eigenkapitalquote oder dadurch, dass rentable aber besonders riskante Investitionen nicht getätigt werden.
Betrachtet man die Anbauentscheidung im Ackerbau, so ist die Spezialisierung auf nur eine (oder wenige) Kultur(en) ein Beispiel für eine rentable aber risikoreiche Investition. Denn die Spezialisierungsgewinne, die mit dieser Strategie verbunden sind, sind untrennbar mit einem höheren Risiko behaftet. Ähnlich ist es mit der Vermarktung. Durch einen Verkauf zu mehreren Terminen wird man zwar nie den Höchstpreis realisieren, aber immerhin kann man auch nicht deutlich unter dem Durchschnitt landen.
Mais erfreut sich weltweit zunehmender Anbauumfänge. In Deutschland hat vor allem der Silomaisanbau deutlich zugenommen. Der Klimawandel, der den Mais begünstigt, und die Bioenergiepolitik (Biogas, Bioethanol in den USA) sind die wesentlichen Treiber. Die Körnermaispreise werden sich jedoch nicht von den Preisen für andere Agrarrohstoffe abkoppeln. Denn hohe Körnermaispreise werden zu einer Ausdehnung der Maisflächen z. B. zulasten der Sojaflächen führen, so dass auch das Angebot an Soja vermindert sein wird und somit auch die Sojapreise anziehen werden.
Beim Silomais sieht es allerdings anders aus. Werden weiterhin so viele Biogasanlagen in Deutschland gebaut, dann werden sich zumindest lokal die Silomaispreise tatsächlich von den allgemeinen Marktfruchtpreisen nach oben abkoppeln, weil Silomais erstens nicht sehr transportwürdig ist und zweitens selbst eine komplette Umstellung Deutschlands auf die Energiemaisproduktion zu keinen wesentlichen Preiseffekten auf den Weltmärkten führen dürfte. Was bliebe, wäre die Ungewissheit über zukünftige Politikänderungen. Denn der Biogasboom fußt allein auf dem EEG.
Welche Lehre lässt sich aus dem Gesagten zusammenfassend ziehen? Neben dem unternehmerischen Gespür für zukünftige Markt- und Politikentwicklungen, sollte man bei der Weiterentwicklung seines Unternehmens nicht nur die Gewinnerwartung mit ins Kalkül ziehen, sondern genauso auch die zu erwartenden Gewinnschwankungen. Und man sollte auf diese Risiken vorbereitet sein. Schwankungen sind dabei nicht per se schlecht. Denn i. d. R. entlohnt der Markt solche Branchen, die höheren Risiken ausgesetzt sind, mit höheren Renditeerwartungen. Man muss nur auch in Durststrecken durchhalten können.
Zitat: „Schwankungen sind dabei nicht per se schlecht. Denn i. d. R. entlohnt der Markt solche Branchen, die höheren Risiken ausgesetzt sind, mit höheren Renditeerwartungen. Man muss nur vorbereitet sein, um in Durststrecken durchhalten zu können.“
Prof. Dr. Thore Toews, Fachhochschule Bingen, 55411 Bingen, Tel. 06404-650949 oder 06721-409294, E-Mail: toews@fh-bingen.de


